Vor 20 Jahren verlieh das Land Hessen der Stadt Hanau die Zusatzbezeichnung „Brüder Grimm Stadt“. Die Entscheidung von 2006 gilt seither als prägender Faktor für das kommunale Selbstbild. Oberbürgermeister Claus Kaminsky bezeichnet die Auszeichnung als mehr als ein symbolischen Akt und betont, dass das Erbe von Jacob und Wilhelm Grimm zur Herausbildung einer klaren städtischen Identität beigetragen habe.
Hintergrund und Auseinandersetzung um die Bezeichnung
Jacob und Wilhelm Grimm wurden 1785 beziehungsweise 1786 in Hanau geboren. Sie machten sich als Sprachforscher, Märchensammler und Universalgelehrte einen Namen. Ihre Kinder und Hausmärchen wurden weltweit übersetzt, mit dem Deutschen Wörterbuch gelten sie als Wegbereiter der modernen Germanistik. Beide gehörten zu den sogenannten Göttinger Sieben, und Jacob Grimm war Abgeordneter der Nationalversammlung von 1848 in der Frankfurter Paulskirche.
Der Weg zur offiziellen Bezeichnung war nicht frei von Kontroversen. Nach dem Antrag Hanau gab es formale Bedenken, etwa aus dem Innenministerium, unter anderem weil die Familie die Stadt bereits 1791 verlassen hatte. Der damalige Landtagsabgeordnete Aloys Lenz setzte sich in Wiesbaden für die Stadt ein und intervenierte persönlich beim damaligen Innenminister Volker Bouffier. Das Engagement trug dazu bei, dass Hanau 2006 die Zusatzbezeichnung erhielt.
Kulturelle Projekte und lokale Verankerung
Die Erinnerung an die Brüder Grimm ist in Hanau über Generationen gepflegt worden. Schon 1896 wurde auf dem Neustädter Marktplatz ein Brüder Grimm Denkmal errichtet. Seit 1975 beginnt in Hanau die Deutsche Märchenstraße, die bis nach Bremen führt. Die Stadt vergibt seit 1983 den Brüder Grimm Preis für Literatur. Zu den Preisträgern gehören Christoph Ransmayr, Felicitas Hoppe und Monika Maron.
Weitere Projekte haben das Thema in Stadtleben und Tourismus verankert. Die Brüder Grimm Festspiele, die erstmals 1985 stattfanden und seit 2016 unter diesem Namen laufen, ziehen nach Angaben der Veranstalter mehr als eine Million Besucher seit ihrer Gründung an und gelten als eines der renommierten Freilichttheater Deutschlands. Seit 2012 wird alle drei Jahre der Ludwig Emil Grimm Preis für Karikatur verliehen. Seit 2016 gibt es zudem die Grimm Bürgerdozentur, eine Auszeichnung in Kooperation mit dem Institut für Jugendbuchforschung der Goethe Universität Frankfurt und der Deutschen Akademie für Kinder und Jugendliteratur.
Symbolik, Branding und Alltagspräsenz
Die Zusatzbezeichnung führte auch zu sichtbaren Markenzeichen: Hanau erhielt ein patentgeschütztes Stadtlogo mit dem Doppelporträt der Brüder, eine Zeichnung von Ludwig Emil Grimm, die seitdem die offizielle Kommunikation und touristische Produkte prägt. Auf Ortsschildern, Briefköpfen und Siegeln erscheint der Bildzug besonders präsent.
Das Grimm Erbe ist darüber hinaus alltagsnah besetzt. In der Stadt erinnert ein Märchenpfad mit Bronze und Steinfiguren an regionale Erzählungen. Im Museum Schloss Philippsruhe lädt das GrimmsMärchenReich als interaktives Mitmachmuseum Familien ein. Der Name der Brüder findet sich auch in lokalen Initiativen und Angeboten, zum Beispiel beim städtischen Einkaufsgutschein Grimm Scheck, der staatlich anerkannten Brüder Grimm Berufsakademie BGBA und in kulinarischer Form als Brüder Grimm Torte im traditionsreichen Café Schien.
Kaminsky bringt die Wirkungen der Auszeichnung auf einen Punkt: „Die Brüder Grimm stehen für Fantasie, Bildung, Weltoffenheit und Demokratie.“ Veranstaltungen, Führungen und kulturelle Angebote trügen dazu bei, dass diese Werte auch an kommende Generationen weitergegeben werden.
Die Bilanz nach zwei Dekaden zeigt, dass die Zusatzbezeichnung für Hanau sowohl einen kulturellen Bezugspunkt als auch ein Instrument zur Profilbildung geliefert hat. Obgleich historische Debatten den Weg begleiteten, ist das Grimm Erbe heute in vielen Bereichen des städtischen Lebens verankert.
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